

Selbstverständlich können - und dürfen - auch Diabetiker reisen so wie alle anderen Leute auch. Allerdings gibt es je nach Therapie des Diabetes, die man anwendet, verschiedene Probleme zu berücksichtigen. Ein Diabetikerausweis - mindestens in Englisch oder noch besser auch in der Landessprache des Reiseziels - gehört auf jeden Fall ins Gepäck.
Massnahmen bei Typ-2-Diabetes
Am einfachsten haben es natürlich Typ-2-Diabetiker, die ihren Zucker nur mit vermehrter Bewegung und gesunder Ernährung im Griff haben. Einziges mögliches Problem könnte hier sein, dass je nach Ferienziel ein Einhalten der diabetesgerechten Ernährung sehr schwierig werden könnte (Beispiel Schlemmerwoche in der Toskana...).
Auch bei einer Diabetesbehandlung mit Tabletten braucht es keine grösseren Umstellungen bei einer Reise. Bei Tabletten, die möglicherweise zu Unterzuckerungen führen können (Sulfonylharnstoffe, Glinide), muss aber bei sehr aktiven Reisen (Beispiel Wanderurlaub im Engadin) eventuell die Dosis angepasst oder das Medikament sogar ganz weggelassen werden. In klaren Fällen kann dies während des Urlaubs anhand der gemessenen Blutzuckerwerte entschieden werden, bei komplizierteren Fällen lohnt es sich, seinen betreuenden Diabetologen bereits vor der Reise darauf anzusprechen. Generell gelten die gleichen Vorsichtsmassnahmen wie auch bei grösseren körperlichen Aktivitäten zu Hause (Mitführen von genügend schnell aufnehmbaren Kohlenhydraten, häufigeres BZ-Messen...). Auch geeignete Lebensmittel zur Hypo-Korrektur (Traubenzucker, Dörrobst etc.) sind nicht in jedem Land gleich leicht erhältlich und sollten daher im Zweifelsfall lieber gleich mitgebracht werden. Natürlich sollte man die Tabletten in genügender Menge mitnehmen, damit sie auch bis zum Ende der Reise reichen. Nicht alle in der Schweiz erhältlichen Medikamente gibt es auch im Ausland und oft sind die gleichen Substanzen unter einem anderen Namen im Handel!
Ratschläge für Typ-1-Diabetiker
Die komplizierteste Behandlung des Diabetes sind die täglichen Injektionen von Insulin, und dies ist auch beim Reisen nicht anders. Schon für den Zoll empfiehlt es sich, eine ärztliche Bescheinigung mitzuführen, da sonst die Insulinspritzen im Gepäck zu Problemen führen können.
Ebenfalls empfiehlt es sich auf jeden Fall, ein Ersatzgerät dabei zu haben. Bei Patienten mit Basis-Bolusschema kann hier im Notfall beispielsweise der Pen des Langzeitinsulins auch für das Kurzinsulin verwendet werden, auch wenn das ständige Ampullenwechseln lästig ist.
Als Notfallreserve ist es unter Umständen sinnvoll, herkömmliche Insulinspritzen mitzuführen, da in manchen Ländern keine Penampullen, sondern nur Aufziehampullen erhältlich sind. Das Insulin wie auch das übrige Material sollte möglichst auf mehrere Gepäckstücke verteilt werden, da sonst bei einem fehlenden Koffer plötzlich gar kein Insulin mehr da ist!
Bei Reisen mit dem Auto gelten die gleichen Empfehlungen wie bei längeren Reisen im Inland. Das heisst, auch im Mietauto in den Ferien sollten immer Kohlenhydrate griffbereit sein, und bei Anzeichen einer Hypoglykämie sollte angehalten werden, und erst bei einem BZ über 6 mmol/l und Verschwinden aller Symptome - frühestens nach 20-30 Minuten - darf man weiterfahren. Bei längeren Fahrten sollte alle 1 bis 11/2 Stunden eine Pause eingeschaltet und der BZ kontrolliert werden.
Nicht zu vergessen ist, dass in einigen Ländern immer noch andere Insulinkonzentrationen üblich sind, nämlich U-40 und U-80. In der Schweiz benützen wir U-100, das heisst 1 ml Insulin enthält 100 IE Insulin. Dementsprechend wirkt das U-40 mit nur 40 IE Insulin pro 1 ml weniger als halb so stark. Um die richtige Dosis zu erzielen und Über- oder Unterzucker zu vermeiden, sollte also auf jeden Fall bei Verwendung ausländischer Insuline auf ihre Konzentration geachtet werden. Bei anderen Insulinkonzentrationen als U-100 sollte immer das passende Spritzgeschirr des entsprechenden Landes verwendet werden. Nur so vermeidet man versehentliche Über- oder Unterdosierungen.
Ein weiteres, vor allem bei Reisen nach exotischen Orten, häufiger vorkommendes Problem sind Krankheiten, vor allem der typische Reisedurchfall. Auch hier ist die Handhabung im Prinzip gleich wie zu Hause. Das heisst die Blutzuckermessungen sollten intensiviert werden. Falls auf Grund von Übelkeit Mahlzeiten ausfallen, müssen diese natürlich nicht mit Insulin abgedeckt werden. Eventuell muss aber auch das Basisinsulin zusätzlich reduziert werden. Meist wird der Körper im Krankheitsfall aber resistenter gegen Insulin, so dass auch ohne Zufuhr von Kohlenhydraten die Blutzuckerwerte eher höher liegen als gewohnt und sogar mehr Insulin gespritzt werden muss. Es empfiehlt sich auf jeden Fall, die Menge Basisinsulin möglichst klein zu halten, und Schwankungen mit kurz wirksamem Insulin auszugleichen, um rasch reagieren zu können.
Insulindosierung bei Flugreisen
Bei Flugreisen spielt vor allem die Zeitverschiebung für die Einstellung des Diabetes eine Rolle. Das Mahlzeiteninsulin kann natürlich unverändert zu den eingenommenen Mahlzeiten gespritzt werden.
Bei einem Flug nach Westen wird der Tag länger, das heisst die normale Gabe des Basisinsulins reicht unter Umständen nicht aus. Je nach Intensität der Blutzuckerkontrolle kann dies durch Korrektur mit Bolusinsulin abgefangen werden, oder die Menge des Basisinsulins vor dem Abflug wird um den entsprechenden Prozentsatz erhöht.
Bei zweimal täglicher Insulingabe sollte die Basis über 12 Stunden wirken. Bei einer Zeitverschiebung von 6 Stunden wären dies dann aber 18 Stunden, also 50% länger. Dementsprechend müsste das Basisinsulin der entsprechenden Injektion um 50% erhöht werden. Bei einer einmaligen täglichen Gabe eines 24 Stunden wirkenden Insulins macht dieselbe Zeitverschiebung von 6 Stunden natürlich nur eine Verlängerung von 24 auf 30 Stunden, also 25%, aus. Dementsprechend muss auch die Insulindosis nur um 25% erhöht werden.
Bei einer Reise nach Osten hingegen wird der Tag kürzer, das heisst das Basisinsulin wirkt unter Umständen zu lange. Wie bei der Reise nach Westen kann auch hier prozentual angepasst werden. Das heisst bei einer Zeitverschiebung von 6 Stunden nach Osten werden bei 2-Spritzen-Basis aus den üblichen 12 Stunden bis zur nächsten Injektion nur 6, also halb so viele. Dementsprechend sollten auch nur 50% der Basis gespritzt werden. Alternativ kann auch die erste Basisinjektion zu Hause weggelassen, und damit in unserem Beispiel der Abstand auf 18 Stunden verlängert werden. Das Ansteigen des Blutzuckers könnte dann mit schnell wirkendem Insulin abgefangen werden. Je nach Einstellung des Diabetes und konkreter Reise können diese Anpassungen sehr einfach oder sehr kompliziert sein. Bei komplizierteren Rechnungen empfiehlt es sich aber auf jeden Fall, dies vor der Reise mit seinem Diabetologen zu besprechen.
Dr. med. Dirk Kappeler