Burma

25.02.2017 - admin

Wir, Els Wiki und Hanni und ich, schlossen uns der kleinen Reisegruppe in Rangoon (Yangon) an. 6 weitere, sympathische Mitreisende, alles Schweizer, plus Reiseleiter, Dr. Axel Bruns, ein in Yangon wohnender Deutscher und Burma-Experte. Wir kamen von einer

Reisezeit (am Ende der "Winterzeit"), Reisedauer (16 Tage) und Reiseroute (Yangon, Golden Rock Tempel, Pagan, Mt. Popa-Mandalay, Mingun, Heho-Inle See, Hill Station Kalaw, Pindaya-Höhle, Yangon) waren wohl optimal. Ein Glücksfall die Kleinheit und Kompaktheit der Reisegruppe (nicht für Dornbierer natürlich; der Burma Boykot-Aufruf wirkt sich auch auf den Tourismus aus). Aber auch unser Reiseleiter, der in Völkerkunde über das Thema "Burmesisches Marionetten-Theater" doktoriert und der den bekannten Nelle - Reiseführer über Burma geschrieben hatte und der recht gut Burmesisch sprach. Er war blitzgescheit, mit einem phänomenalen Gedächtnis, damit allerdings auch herausfordernd. BurmaWenn er seine Seminare über burmesische Geschichte, Buddhismus, Baukunst und Mythologie hielt war man gut beraten nicht abzuschweifen oder gar herumzustreifen.("Alle mal herhören!!"; "Frau Gantenbein a b s i t z e n!!"). Einzig über die offenbar schwierige, sicher aber fremd klingende burmesische Musik mochte er sich nicht äussern. 

 

War die Reise anstrengend? Nicht übermässig und vor allem nie stressig. Es wurde recht warm (von wegen "Winterzeit" !). Sicher aber war sie, mit all den Tempelbesteigungen, fitness-fördernd. Und es galt natürlich unglaublich viele Eindrücke aufzunehmen, deren Verarbeitung (ich denke an die über 1000 Fotos die nun auf dem Tisch liegen! Und dieser Reisebericht gehört auch dazu), wird allerdings noch Zeit in Anspruch nehmen . 

 

Die touristische Infrastruktur, die wir nutzten, war überraschend gut, und übertraf eindeutig unsere Erwartungen. Eigentlich phänomenal, nachdem ja das Land vom paranoiden Militärregime erst 1996 voll dem Tourismus geöffnet wurde. Zwar braucht es immer noch Visaanträge in mehrfacher Ausführung und die Einreise, mit all den wild stempelnden Beamten (und Beamtinnen) wirkt chaotisch. Aber wenn man mal drin ist, im Land, gibt's kaum mehr Kontrollen und was zu funktionieren hat, funktioniert (wenn's auch zum Teil Geduld - und hin und wieder einen entschieden sich einsetzenden Reiseleiter, braucht). Die gebuchten Hotels und die Unterkünfte (auf dem Inle-See und in den Hill-Stations) waren einwandfrei (für mich ist das Kandawgyi in Rangoon das schönste Colonial-Style Hotel überhaupt), die Hygiene nicht zu beanstanden, das Essen abwechslungsreich und, bei den üblichen Vorsichtsmassnahmen, bekömmlich (thailändisch, nur bäuerlicher und weniger "hot"), die Mandalay Air Flugzeuge (Private Air Line, man hüte sich offenbar vor der staatlichen) wirkten vertrauenserweckend und die Reisebusse hielten den holprigen Strassen stand. Allerdings hätten wir uns nicht zu zwölft oder mehr in diese soweit ordentlichen aber sehr eng bestuhlen Kisten zwängen mBurmaögen. Auch das Telefon in den Hotels funktionierte einwandfrei (nicht natürlich das Handy) und scheinbar sind auch die Ansichtskarten, trotz Warnung unseres Führers, nach einigen Wochen dort gelandet wo sie hingehörten. Es gibt jede Menge sauber verpackter ausgezeichneter Biskuits und Säfte. Es gibt Filme und Batterien und für Nostalgiker Heineken und Coca Cola. Diese allerdings und unverschämterweise, weil importiert, fast gleich teuer wie bei uns. Einzig an Glacé-Verkäufer haben wir uns nicht herangewagt. Der Schlachtruf von Els Wiki: "no ice!", verhinderte das. Das Land wird touristisch weiter aufrüsten. Höchste Zeit es jetzt zu besuchen! Und natürlich das Geld: der offizielle Wechselkurs lautet 7 Tschats (oder wie sich das schreibt) für einen Dollar. Auf dem "schwarzen Markt" erhält man hundert (!) mal mehr. Ausser dem Zwangsumtausch bei der Einreise (nicht mehr für Gruppenreisende) wechselt natürlich kein Mensch zum offiziellen Kurs. Übrigens bezeichnend für die Abgehobenheit des Regimes, um dessen Regelungen und Parolen sich offenbar kaum jemand kümmert. Noch ein Beispiel: Benzin ist streng rationiert. Jeder Automobilist erhält Zuteilungen die jeweils drei Tage gelten. Nur gibt's an jeder Ecke "Schwarz-Benzin" zu kaufen, immerhin deutlich teurer als das offizielle. Das ist allerdings - vorläufig - ein Problem, das nur einige besser gestellte Städter interessiert: Auf dem Land übernehmen Fahrräder, Ochsenkarren, Rikschas und Pferdetaxis den Transport. Und immer total überfüllte Kleintransporter, an denen und auf denen Trauben von Menschen hangen. Überhaupt scheint der Transport der eigentliche Engpass bei der angestrebten Entwicklung des Landes zu sein. Die Strassen sind prekär, Bahnen gibts wenige und öffentliche Transportmittel praktisch keine. Gottlob gibt's den Irrawaddy und seine Nebenflüsse! Zwar werden, wie in diesen autokratisch geführten Entwicklungsländern üblich, "weisse Elefanten" in die Steppe gesetzt (z.B. ein riesiger "International Airport", mit einigen Dutzend Cheque-In Schaltern, davon 2 genutzt, etwa 3okm ausserhalb Mandalay), aber ernsthaften Strassenbau haben wir praktisch nirgends gesehen. (Steine klopfende Frauen schon). Was man auch sieht ist muntere Kinderarbeit. Uns hat's nicht gestört. Wo anders sollen die denn hin während beide Eltern um Rappen den ganzen Tag weben, sticken, schnitzen oder flechten. Weiter das Geld (ist doch die Hauptsache): die Preise in den Touristen-Hotels etc. sind einigermassen internationaler Gepflogenheit angepasst, aber immer noch günstig. Was sonst gekauft wird ist unglaublich billig. Mehrgängige Mahlzeiten, incl.Thé und Mineralwasser, für 2-3 Franken, Früchte für Rappen, Tonkrüge für einen halben Franken, eine Eisenbahnfahrt von Heho nach Kalaw für 3o Rappen (für uns Touristen etwas teurer), grossartige Stickereien und andere hochkarätige Handwerks-Produkte (vor allem "lacker-ware"), für einen Pappenstil. Fast alles wird einem schliesslich, nach einigem Handeln, für "one Dollar!" angeboten; Dinge die verlockend sind und bei uns das 20 und mehrfache kosten würden. Wie diese Rechnung aufgeht - viele dieser Waren befanden sich im 4. oder x-ten Glied einer Handelskette-, ist mir völlig unerfindlich. Gut, die Leute, die eine Arbeit haben, verdienen noch immer um die 5o Rappen. Am Tag! Immerhin nicht verwunderlich, dass wir mit geschwellten Koffern nach Hause zurückkehrten. Auch nicht verwunderlich, dass europäische Firmen handwerkliche Massenfertigung nach Burma verlegten. Problematisch, dass, aus politischen Gründen (man will das Militärregime loswerden), Boykotte umgesetzt, Fabriken wieder geschlossen werden. Dem Regime wird so kaum die Luft ausgehen, den Arbeitern und ihren Familien allerdings schon. Der Einzelne fällt aber in ein vom buddhistischen Glauben geprägtes soziales Netz, das von der Familie, der Gemeinschaft, gespannt wird. Armut ja, Elend kaum. Hunger auch nicht. Beim Besuch eines friedlich-freundlichen Altersheimes sind uns fast die Tränen gekommen beim Gedanken an die schrecklichen Altersghettos in unseren Breitengraden. Das dumm-dreiste Militär-Regime kommunistischer Observanz (potenziert mit fernöstlicher Zahlen-Mystik), ist ein Problem. Aber man könnte sich Schlimmeres vorstellen. Z.B. das Chaos das nach der "Befreiung" herrschte, und die damals akute und noch immer latente Gefahr des Auseinanderbrechens des burmesischen Staates. Man bastelt an einer neuen Verfassung. Doch kommt man damit nicht voran da zuerst die Opposition (interne und externe) zerstört (sic) werden muss. Man spricht von Zwangsarbeit (unser Führer bezeichnete sie als Naturalleistung anstelle von Steuern), und Korruption. Die Obersten lassen sich täglich von der hörigen Presse feiern. Sie pilgern zu Heiligtümern, inspizieren Brücken, geben Instruktionen und veröffentlichen hirnrissige Erfolgs-Statistiken. Ihre Ansprachen erscheinen am anderen Tage verbatim in der Presse - und werden von niemandem gelesen und erst recht nicht geglaubt. Wir kannten das ja z.B. aus Cuba und dem ehemaligen Ost-Deutschland. Wobei uns letzteres ungleich viel korrupter und hinterhältiger erschien als das Regime in Burma. Nun, die Bevölkerung hätte besseres verdient. Sie ist liebenswürdig, arbeitsam und friedfertig. Man fühlt sich sicher und willkommen. Sie ist geprägt vom omnipräsenten buddhistischen Glauben, der allerdings nur vergoldeter Überbau ist eines fast kindlich wirkenden, jede Stunde, jeden Tag, jede Handlung prägenden Aberglaubens. Und all die Mythen und Geschichten die uns unser Dr. Bruns erzählte! Da sind Hauff und Grimm Waisenknaben dagegen. Vor jedem Haus ein Schrein, an dem geopfert wird, auf jedem Hügel eine Pagode mit vergoldetem Dach, überall belebte Tempel mit goldenen Buddhas, vor denen andächtig Gläubige knien. Das Ganze wirkt echt, kindlich, liebenswert und trotz all den bösen Geistern die besänftigt sein wollen, überhaupt nicht dämonisch. Oberstes Gesetz ist, sich durch gute Taten eine bessere Ausgangslage, ein besseres Karma, für die nächste Wiedergeburt zu verdienen. Der Gebende muss dem Nehmenden dankbar sein für die Chance die er ihm dazu bietet. Und dann all die in orangerote Roben gehüllten Mönche! Sie dürfen nur fünf Gegenstände besitzen und sie sammeln am Morgen in einer Schale das Essen für den Tag. Viele von ihnen sind hoch angesehen und werden, als bald ins Nirwana Übertretende, verehrt. Diese Mönche sind auch Priester und Lehrer, denen andächtig gelauscht wird. Und man stelle sich vor: fast jeder Burmese ist auch mal in seinem Leben - und wäre es nur für drei Monate - Mönch. Man muss die 12 bis 13jährigen Knaben gesehen haben, kahlgeschoren, in der orangeroten Robe, mit der Opferschale im Arm, um zu ahnen was für eine prägende Lebensschule das sein muss. Nonnen gibts auch und Nonnenklöster, die wir ohne weiteres besuchen durften (übrigens einfach aber blitzsauber). Sie können aber nicht Priester, Lehrer werden (da das Weibliche den Gläubigen ablenken könnte). Im übrigen sind Frauen in Burma gleichberechtigt. Sie wirken entsprechend frei und selbstbewusst. Die Schulen die wir besuchten waren einfach, machten aber einen guten Eindruck. Die Schüler (äxgüsi, die männliche Form gilt immer auch für die weibliche) tragen einheitliche Kleidung und sind stolz darauf. Analphabeten gibt's kaum. Immerhin! Burma ist ein einzigartiges Reiseziel; das burmesische Volk ist liebenswert! Wie es wohl selber seine Lebensumstände empfindet? Ich habe den unschönen Verdacht, dass wir uns, romantisierend, dem Ungewohnten, "Exotischen" verfallen und absichtlich, der doch meist sehr harten Wirklichkeit verschliessen. Tourismus: Angesichts der Bedeutung die dem Tourismus, auch in Burma, zugemessen wird, drängen sich ein paar generelle Gedanken auf: Der Tourismus ist weltweit die sich am stärksten entwickelnde "Industrie". Vor allem Drittweltländer, je ärmer desto eher, sehen darin d i e Entwicklungschance par excellance. Entsprechende Erwartungen und Hoffnungen werden enttäuscht: der Tourismus sucht zwar bevorzugt das Neue, das Exotische dabei hat Tourismus gleichzeitig, soll er die ersehnten Devisen bringen, westlichen Vorstellungen, Werten und Ansprüchen zu genügen,das ergibt einen fatalen Widerspruch: Mac Donald's und Starbucks überall! Die einheimische Kultur, die interessante, wird von westlichen Werten und Produkten überlagert oder wird zur nur noch künstlich aufrecht erhaltenen Kulisse (siehe Thailand). Die Welt wird amerikanisiert, homogenisiert. Warum dann noch reisen?Um den Ansprüchen der - internationalen - Touristen zu genügen, müssen erst mal westliche Produkte und Dienstleistungen eingekauft werden. Statt Deviseneinnahmen gibt's Devisen-Abfluss - oder Verschuldung. Da die Erwartungen so hoch sind, stürzt sich alles auf die Touristen. Sie werden von "Souvenirs" und anderen "Dienstleistungen" überschwemmt. Wir haben hunderte von Verkaufsständen, mit tausenden gleichartigen Gegenständen gesehen und dazwischen einige Dutzend Touristen. Von denen kaum einer etwas kaufte. Das macht die Preise kaputt oder schafft aggressive Verkaufsmethoden. Von Korruption, Drogen, Prostitution, oder, harmloser, Bettelei und Diebstahl haben wir noch gar nicht gesprochen. Noch einmal: Die Erwartungen in den Tourismus werden enttäuscht werden. Trotzdem: Touristisches: Angesichts der Fülle der Sehenswürdigkeiten und Eindrücke fühle ich mich völlig überfordert wenn ich darüber im Détail berichten müsste. Man halte sich also an die üblichen Informations-Quellen, vor allem natürlich an den von unserem Dr. Bruns geschriebenen Nelle-Guide. Und einmal mehr sei auf die Scrap - Books meiner fleissigen Hanni verwiesen (irgendwo müssen doch unsere 1000 Fotos hin). Schon der Versuch einige "High Lights" herauszuheben scheint äusserst fragwürdig, war doch jeder Tag voller Ereignisse die man nicht hätte missen mögen (die weit über 1000 Fotos die wir nach Hause brachten, sprechen Bände). BurmaIch wag es trotzdem: unvergesslich die Ballon-Fahrt über der Ebene von Pagan mit ihren über 800 Tempeln und Pagoden (früher waren's offenbar mal einige tausend),eindrücklich der Besuch in einem "Altersheim" bei Mingun, wo Greise und Greisinnen uns mit gelassener Heiterkeit und Würde empfingen, einzigartig das Bio-Top des Inle Sees und dessen gekonnte Nutzung durch eine auf und mit dem Wasser lebenden Bevölkerung, ein spezielles Ereignis die Bahnfahrt von Heho nach Kalaw. So muss es bei uns in der Pionierzeit der Bahnen ausgesehen haben. Alles in allem: die erlebnisreichste, eindrücklichste, heiterste weil menschlichste, Reise die wir je unternommen haben. Möge Burma den Weg in die Moderne finden, ohne seine Seele zu verlieren!

Vermutlich waren wir Alten (Els Wiki, Hanni und ich), auf dem falschen Boot. Eine Kreuzfahrt in die Karibik oder so wäre angemessener gewesen.g

Kategorie: Reiseberichte , eingestellt am 30.01.2017

Es ist ein schwieriges Unterfangen den zwiespältigen Eindrücken gerecht zu werden die eine 18tägige Reise durch dieses riesige Land (40x so gross wie die Schweiz, ca. 10x so viele Einwohner) vermitteln kann.

Kategorie: Reiseberichte , eingestellt am 30.01.2017