Iran

30.01.2017 - admin

Es ist ein schwieriges Unterfangen den zwiespältigen Eindrücken gerecht zu werden die eine 18tägige Reise durch dieses riesige Land (40x so gross wie die Schweiz, ca. 10x so viele Einwohner) vermitteln kann.

Ich versuchs, indem ich den Stoff thematisch, statt z.B. chronologisch, gliedere und selbstverständlich im Bewusstsein dass ich nur bescheidene Teilaspekte berühren kann. Kommt hinzu dass ich nur wiedergeben kann was ich  gehört, gelesen und gesehen habe, ohne die Quellen überprüfen zu können. Aber das generelle Bild stimmt schon, mehr oder weniger.

Wir schlossen uns einmal mehr einer Studiosus (München) Reise an. Und wie gewohnt: hoher Standard; hervorragende Führer (dieses mal eine Frau, Jasmin Fariwar, in Persien in eine der grossen Familien geboren (Grossvater Grossgrundbesitzer - so 120 Dörfer!). Familie beim Sturz des Schahs nach Deutschland emigriert, gescheit (Sprachwissenschaften), munter, hervorragend Deutsch sprechend); kultivierte, interessierte, disziplinierte Mitreisende ( hier ein "Freundeskreis" aus Würzburg, der uns Basler (Hanni, Els Wiki und mich) liebenswürdig aufnahm).Iran

Und wie immer die absurde Situation, dass man, vor lauter Reliefs, Ruinen und Museen, sehr aufmerksam sein muss, um etwas von Land und Leuten zu begreifen. Wobei die Aufgeschlossenheit und Offenheit unserer Jasmin dabei allerdings half. Warum Leute, die im Alltag garantiert nie ein Museum betreten, in fernen Landen nur  von Steinhaufen zu Steinhaufen  pilgern, ist mir völlig unbegreiflich. Früher habe ich deshalb Reisen selber organisiert ( neben Ruinen Fabriken, Spitäler, Schulen etc.) Jetzt mag ich nicht mehr und tschalpe halt, oft eher widerwillig, mit. Bezeichnend war ein zufälliger Besuch bei einem Bauern, der meine Vorstellung wie diese Leute leben, völlig auf den Kopf stellte (positiv, wohlverstanden).

Persien mit seiner gigantischen Geschichte und vielfältigen Kultur, mit seinen Hochebenen und schneebedeckten Gebirgen, mit seinen Steppen und Oasenstädten, müsste eigentlich ein Tourismus-Ziel erster Ordnung sein. Es sind vor allem die Mullahs mit ihren (Kleider)- Vorschriften die das  verhindern, sehr zum Nutzen derjenigen, die die Reise trotzdem wagen. 

Unsere Frauen mussten beim Einchequen in Frankfurt (Iran Air) ihre Kopftücher anziehen und durften sie beim Auschequen daselbst erleichtert wieder einpacken.( Im Jumbo hat's einen Gebetsraum mit Gyroskop damit sich der Gläubige jederzeit nach Mekka ausrichten kann). Bezüglich Tschador gibt's, für Touristinnen, neuerdings Lockerungen: eine weite, bis zum Knie reichende Jacke plus Hosen erfüllt offenbar die Forderung der Sittenwächter.  Für die Iranerinnen gilt allerdings: "wer das Kopftuch -und den Tschador- nicht richtig trägt (kein Haar soll sichtbar werden, kein Bein und kein Handgelenk) verletzt die Ehre der Frau". Und so eilen sie denn dahin, diese schwarz verhüllten, ewig mit dem Schleier fummelnden  Gestalten. Frauen im fundamentalistischen Iran: ein unerschöpfliches Thema, dem ich noch beizukommen versuche.

 IranDie "Iran Air" fliegt pünktlich, wenn auch das Geschehen im Flugplatz chaotisch wirkt. Unsere Hotels (****/ *****) waren in Ordnung, das Hotel in Isfahan echt paradiesisch; Car und Chauffeur wie immer ausgezeichnet (alles Volvo Busse neuen Jahrgangs); die Strassen sind gut und grosszügig angelegt (kein Kaff ohne seinen Verkehrs-Kreisel, der meist zum Park ausgebaut und mit patriotischem Denkmal "verziert" ist) ; das Essen war schmackhaft wenn auch monoton (2 x täglich Reis mit Beilage). Es gab immer auch Joghurt oder Salat sowie Früchte. "Probleme" sind dabei keine aufgetaucht. Wer auf iranischen Kaviar hofft muss bis zum Abflug warten und dann ein ganz dickes Portemonnaie zücken.

An der Hotelfachschule haben wir französischen, englischen und russischen Service gelernt (allemal ein Leerlauf), Von "persischem" Service war nie die Rede. Dabei ist der, bezüglich Effizienz, unübertroffen. Ein Vier-Gang-Menu (Suppe, Salat oder Yoghurt, Hauptgang, Früchte oder Gebäck) wurde regelmässig in 40-45 Minuten serviert. Dem Professeur Michel wären allerdings die - nicht vorhandenen -  Haare zu Berge gestanden. Mir, "dem ungeduldigsten Menschen der Welt" (Originalton Frau Wartmann), hat's gefallen.

Übrigens gibt's, ausser in den Hotels, praktisch keine Restaurants und schon gar keine Kaffees. Wozu auch, wenn's nur mieses Gebräu und Schwachstrom zu trinken gibt und keine hübschen Mädchen zu schauen. (Frauen dürfen allein nicht in öffentliche Lokale). 

Sauberkeit im öffentlichen Bereich (in den Hinterhöfen sieht's anders aus!) wird gross geschrieben. Toiletten unterwegs sind Plums-Clos (oder der Busch), Pissoirs gibts keine. Denn die Perser sind bezüglich ihrer "Body-Functions" sehr etepetete. Husten, Niessen,  oder gar Spucken in der Öffentlichkeit sind "out". (Hört Ihr Römer!). Von "Brünzeln" vor anderen  erst recht nicht zu reden! 

Der Verkehr in den grossen Städten, vor allem in Teheran ( Stadt des permanenten Verkehrsstaus, kurz vor dem Infarkt), ist gewaltig. Und die Perser in ihren schäbig wirkenden Iran-Trabies  sind die besten Chauffeure der Welt (ich weiss wovon ich spreche. Ich bin ein Jahr lang in Rom Auto gefahren). Auf  2-Spuhr  Strassen fahren sie in drei, auf 3-Spuhr Strassen in vier oder fünf Kolonnen, mit Abständen von Zentimetern, und dazwischen wurmen sich noch die Fussgänger von Trottoir zu Trottoir. Unfälle habe ich keine gesehen,(ein Kratzer, ausgerechnet an unserem Car). Gehupt wird praktisch nicht.  Es funktioniert, weil niemand auf seinem "Recht" beharrt, weil jeder für jeden anderen mitdenkt, mitlenkt. Öffentliche Transportmittel, Busse, gibt's wenige (die Frauen sitzen hinten, die Männer stehen vorne) dafür ganze Schwärme von  Sammeltaxis. Wie man die wählt und wie man mit denen ans Ziel gelangt, blieb mir ein Rätsel.Iran

Überland gibt's praktisch keine Pkws, dafür jede Menge schwerer Lastwagen. Eigentlich überraschend, nachdem das Benzin praktisch nichts kostet. Das Eisenbahnnetz ist rudimentär. Mutig wer sich diesem Transportmittel anvertraut . Kommt hinzu, dass die Frauen getrennt von den Männern untergebracht werden, was bei den nötigen Reservationen scheinbar oft zu chaotischen Zuständen führt.

Persisch sei eine indogermanische Sprache, dem Englischen in seiner Einfachheit noch überlegen.  Man profitiert leider nicht davon, unter anderem, weil sie arabisch geschrieben wird.  Dass der Tourismus bisher gesamtwirtschaftlich praktisch ohne Bedeutung ist, hat seine Vor- und Nachteile (wobei erstere  bei weitem überwiegen). Es gibt keine Schuhputzer und Souvenir-Verkäufer, keine Bettelei und Schlepperei, dafür verstehen Kellner weder "yes" noch "no". Immerhin wird immer mehr auch englisch beschildert.

Die Landschaft mit ihren Steppen und bewässerten Kulturen, mit ihren  schneebedeckten

Gebirgen und  ausgetrockneten Flusstälern, wirkt überwältigend, vor allem wenn man die Distanzen auf vielstündigen  Car- Fahrten zu spüren bekommt.

Um Städte wie Isfahan und Schiras zu beschreiben müsste man - persischer - Dichter sein. Die von Bäumen begrenzten Boulevards, die grosszügigen, gepflegten Pärke, die duftenden Blumenbeete, darüber ein mediterraner Himmel!: wirklich wie ein Märchen aus tausendundeiner Nacht. Woher, bei einer bereits zwei Jahre dauernden Dürre, das Wasser kommt, scheint ein weiteres Wunder. Immerhin ist der Fluss, der Isfahan den Ruf schafft, die schönste Brücke der Welt zu haben, ausgetrocknet.

Schlimmer sieht's in Teheran aus. Die katastrophale Landflucht hat diese Metropole aufgebläht bis sie jetzt zu platzen droht. Die Einwohnerzahl, heute grösser als gestern, morgen grösser als heute,  soll sich in den letzten 50 Jahren fast verzehnfacht haben und nun zwischen 12 und 15 Millionen betragen. Meistens sehr junge Menschen übrigens. Die islamische Revolution, vor allem der Krieg gegen den Irak, hatte eine wahre Bevölkerungsexplosion zur Folge, die erst jetzt, unter Preisgabe gewisser religiöser Tabus, in den Griff genommen wird. Und Teheran hat keine Abwasser-Kanalisation und -Reinigung! Dafür wird seit Jahren an einer U-Bahn gebaut.

Die Landflucht hinterlässt auch andere Spuren. Viele Dörfer sind am Zerfallen. Persien, potentiell ein fruchtbares Land, muss Lebensmittel importieren. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, das Durchschnittseinkommen sehr tief (Typischer Arbeiterlohn Frs.200.- im Monat).

Hunger und Elend gibt's allerdings kaum. Gewisse Lebensmittel, z.B. Fladenbrot und Reis, sind schwer subventioniert, so schwer dass es sich scheinbar lohnt Brot den Tieren zu verfüttern. Und Stiftungen (enteigneter Besitz der Reichen, jetzt von Mullahs verwaltet) scheinen ein gewisses soziales Auffangnetz zu bieten.

Noch ein Wort zum Stand der Technik: der Schah versuchte ja aus Persien eines der fünf-sechs fortschrittlichsten Industrieländer der Welt zu machen. Mit - politisch - katastrophalen Folgen, wie man weiss. Persien ist trotzdem ein moderner Staat der versucht technisch Schritt zu halten.  Allerdings scheitert dann oft die Nutzanwendung vor Ort  an mangelhafter Infrastruktur oder mangels gelernten Handwerkern.  Ersatzteile gibt's kaum, der Wasserhahn rinnt, die Türe schliesst nicht, der Aufzug ist, seit Wochen, in Revision.

Dabei gibt's, in den Bazaren, Handwerker ( Ziseleure, Drucker, Teppichknüpfer, Silber- und Goldschmiede), deren Kunst  alle Vorsätze, dieses mal wirklich nichts zu kaufen, besiegt. Die Basler Zöllner, die uns beim Schmuggeln erwischten, hat's gefreut.

Aber jetzt das Wichtigste, das was alle denkbaren Hindernisse  klein erscheinen lässt: die Perser sind das liebenswürdigste Volk dem wir bisher begegnet sind. Und zwar ist's keine berechnende Höflichkeit, sondern von Herzen kommende Freundlichkeit.  Aus jedem Car, aus jedem Auto wird einem zugewinkt, aus jedem Gesicht, nach kurzem überraschten  Zögern, zugelächelt. "Hallo", "what's your name?", "where are you coming from?", hier haben diese Formeln der Kontaktaufnahme echt gewirkt.

Ich habe in Persien lächeln gelernt.

Kultur und Geschichte:

Angesichts der überwältigenden Vielfalt und Wucht von Geschichte und Kultur fühle ich mich endgültig überfordert. Man halte sich doch bitte an die Apa- oder ähnlichen Guides oder an das hervorragende Werk von Gerhard Schweizer : "Iran, zwischen Ost und West". Dass Darius und Xerxes da waren und Alexander auf seinem Vergeltungs-Feldzug , weiss man aus dem Geschichtsunterricht. Sonst bezeugen es Stätten wie Persepolis oder Bischapur. Archäologen können hier noch Generationen lang ihr Brot verdienen.

Hier entstanden und verfielen Riesen-Reiche, hier erlebten Land- und Städtebau erste Höhepunkte. Hier hielt erste Keilschrift die Dekrete des Herrschers fest. Hier erblühte zarteste Dicht- ("der Rosengarten") und raffinierteste Handwerks-Kunst (die Mosaike in Isfahan). Hier errichteten weltliche und religiöse Potentaten unvergängliche Zeugnisse ihrer Herrschaft. Sie werden, auch mit UNESCO-Geldern , restauriert und immer besser zugänglich gemacht. Man gehe hin und sehe und staune. 

Fundamentalistischer Islam:

Der iranische Islam ist ein pervertiertes Regime alt-kommunistischer Observanz. Nur von rechts statt von links. Und gedämpft durch den Umstand dass freie Wirtschaft, in Grenzen, möglich blieb (die Bazaristen). Die Ajatollahs haben einen Vertrag mit Allah, der sie beauftragt, die Welt, wenn nötig mit Gewalt, zum Islam zu führen. Persien ist denn auch das Weltzentrum radikaler Kräfte.

"Das Kapital" heisst hier "Koran". ( Dabei bleibt die Niederschrift des Korans ein Wunder. Es gibt viele Wunder in der Welt). Er ist die unumstössliche, unveränderbare Willensbekundung Gottes. Früheren Propheten, Moses, Buddha, Christus, wird  vorgeworfen, sie seien überholt. Überholt durch einen Kodex den sich ein kriegerisches Nomadenvolk in Arabien im 6. Jahrhundert gab. Ein Kodex der wohl seinerzeit seine Berechtigung haben mochte (Gesellschaftsformen, Stellung der Frau, Gesetzes-Vorschriften), der aber im 21. Jahrhundert seinerseits total überholt scheint.

Und der deshalb nur mit totalitären Mitteln weiter durchgesetzt werden kann. Es gibt keine Presse- und Informationsfreiheit. Es gibt keine ausländischen Zeitungen (ausser "Better Homes and Gardens" und ähnliches). Dafür aber, in zwei drei der grossen Hotels, eine englischsprachige Zeitung (Daily News) mit erstaunlich offener Information (Auspeitschungen, Steinigungen, Drogenprobleme, Verhaftungen von Oppositionellen usw.). Es gibt keine Satellitenschüsseln (heimlich scheinbar schon). Iranische Handies haben ihren eigenen Code, unsere europäischen funktionieren nicht. Wer ins Ausland reisen will, braucht ein Visum. Was veröffentlicht werden darf wird von der religiösen Zensur bestimmt. Rund 4o "Oppositions"-Zeitungen wurden auf die bevorstehenden Wahlen hin geschlossen, Redakteure und Journalisten als "Verräter" inhaftiert. Das kommt einem doch irgendwie bekannt vor!. Wer sich für die Wahlen stellen darf, wird von einem - religiösen - Ausschuss überprüft. Sittenwächter dringen auch in private Bereiche ein. Oberstes Gericht ist ein religiöses, von Ajatollahs besetztes Gremium. Von Plakaten und Hauswänden blicken ernst und vorwurfsvoll  die neuen Oligarchen Khomeini und dessen Nachfolger Khamenei oder dann die Märtyrer des Krieges gegen den Irak.

Übrigens ist ein guter Mullah (religiöser Gelehrter) oder Ajatollah (Super Mullah) einer der Blut von Mohammed oder seinen Nachfolgern  in seinen Adern hat. Ungefährt 60,000 Iraner nehmen diese privilegierte  Herkunft in Anspruch. Unsere Reiseleiterein gehörte übrigens auch zu dieser Kaste.

Und doch gibt's Opposition und die nimmt zu. Im - weltlichen, der religiösen Überprüfung unterstellten - Parlament halten "Reformisten" die Mehrheit. Dessen Präsident, Khatami, versucht einen vorsichtigen Kurs der weiteren Öffnung. Die Bevölkerung auch. Auf jeden Fall interpretierten wir, Schande über uns, die ausserordentliche Freundlichkeit die uns überall entgegengebracht wurde, auch in dieser Richtung. Sie lebt denn auch in einer schizophrenen Situation. Wir  wurden ein paar mal privat eingeladen (Els Wiki hat entfernt Verwandte im Iran). Wir staunten nicht schlecht: moderne westliche Kleidung bis hin zum Minirock, jede Variante Alkohol, Pop-Musik. Und dann, unter der Tür, beginnt wieder der streng kontrollierte, konforme und düster wirkende Alltag.

Für mich am eindrücklichsten war eine Art Schülerinnen-Rebellion.  Wir betraten, um eine Moschee zu besichtigen (noch eine!), eine Tabu-Zone, den Pausenhof einer Mädchenschule.

Wir wurden mit demonstrativer Herzlichkeit  und entsprechendem Geschrei empfangen.    Die Aufseherinnen versuchten, längere Zeit vergebens, mit Schieben und Trillerpfeifen die verhüllten Gestalten ins Schulhaus zurückzudrängen. Sie winkten uns dann halt aus den Fenstern zu.

Der real existierende Kommunismus ist wie ein Kartenhaus zusammengebrochen.  Dem fundamentalistischen Islam wird's  ähnlich ergehen. Was eigentlich schade ist. Der Islam ist im Grunde genommen eine sanfte, egalitäre Religion. Dass er sich in den ärmsten Gebieten dieser Welt ausbreitete kommt nicht von ungefähr. Und dass sich die Revolution mit durchschlagendem Erfolg durchsetzte auch nicht. Aber einmal mehr geht's am Schluss nur um die Macht.

Warum kann die Menschheit nicht endlich den Wahn (den Wahnsinn) der Religionen aufgeben! Sie hätte doch heute die Möglichkeit und Mittel das Diesseits für alle erträglich zu gestalten statt auf das Jenseits zu vertrösten!.

Interessant natürlich die Frage wie es zur islamischen Revolution und ihrem durchschlagenden Erfolg kommen konnte. Dazu ein paar Hinweise. Wer  tiefer eindringen will in die Materie der halte sich an Gerhard Schweizer.

Der in der Schweiz erzogene Schah versuchte, wie schon sein Vater,  das rückständige, von Kolonialmächten (England, Frankreich, Russland) beherrschte Land in die Moderne zu stossen. Mit unglaublicher Arroganz und unglaublich wenig Gespür für die Realität. Die Landwirtschaftsreform (Aufbrechen des Grossgrundbesitzes) ging - pardon - total in die  Hosen. Die Abhängigkeit vom Besitzer wurde  zur Abhängigkeit vom Kreditgeber. Und Beide waren die gleichen. Den Subsistenz-Bauern blieb schliesslich nur die Flucht in die Stadt.

Dort stiess die forcierte Industrialisierung (Brot-Fabriken, Warenhäuser, Shopping-Centers, der Kauf von 8 französischen Atom-Kraftwerken aufs mal) auf den erbitterten Widerstand der Bazaristen, diesen Klein- und Kleinsthändlern. Von denen gibt's in jedem Kaff Dutzende, in jedem Flecken hunderte, in jeder Stadt tausende und zehntausende. Sie zu eliminieren hiess verarmtes Proletariat schaffen und damit den Kommunisten - und den Mullahs - in die Hände arbeiten. Diese unheilige Allianz, unter der charismatischen Führung durch den Ajatollah Khomeini, stürzte schliesslich 1979 den Schah, der sich auch durch seine Verschwendungssucht und  brutale Geheimpolizei verhasst gemacht hatte. (Wir sind ihm im Suvretta- House in St. Moritz begegnet und Hanni behauptete noch lange er hätte ihr einen freundlichen Blick zugeworfen!).  Die Kommunisten wurden eliminiert, der von Hussein vom Zaun gebrochene 8jährige Krieg (es gibt erst einen Waffenstillstand) besiegelte den Sieg der Revolution mit dem Blut der Märtyrer. Hunderttausende, vor allem Jugendliche, zogen singend in den Tod, im festen Glauben damit Eintritt ins Paradies zu gewinnen.

Dass die Amerikaner, mit ihrer panischen Angst vor dem Kommunismus, mit ihrem Ränkespiel und der Unterstützung von Hussein, das ihre zum Sieg der Mullahs und zum Hass gegen den Westen beitrugen, bleibe nicht unerwähnt.

Und der Sieg war ein totaler. Alles was nach westlicher Zivilisation aussah wurde verboten: Kinos, Tanz, Unterhaltungsmusik, das Kravattentragen ( ein mir sympathischer Zug). Sitten- und Religionswärter sorgten für strenge Zucht und Zensur; die Frauen wurden aus dem öffentlichen Raum so weit das ging verbannt. Heerscharen (Besitzer, Intellektuelle, Künstler) flohen ins Ausland. Über Hunderttausend sollen allein im Gebiet von Los Angeles wohnen. Von dort kommt persische Pop-Musik, die auf dem Schwarzmarkt teuer gehandelt wird. Womit angedeutet sei, dass das Regime daran ist, Lockerungen zu tolerieren.

Trotzdem: Iran ist ein moderner Staat, der spinnt.

Womit wir beim Reiz-Thema Frauen angelangt wären:

Im Islam hat die Frau im öffentlichen Raum nichts zu suchen. Sie wird versteckt, sie hat sich zu verstecken (zu verhüllen), sie wird segregiert und darf in männlicher Gesellschaft  nur mit ihrem eigenen Mann (oder Bruder oder Vater) gesehen werden. Velofahren ist verboten, Schwimmen oder Turnen  nur in abgeschirmten Bezirken möglich. Make up ist verpönt (immerhin, schöne Augsbrauen sind gefragt). Die Frau hat rechtlich eine schwache Stellung (ihr Mann kann sie verstossen, Vielweiberei ist möglich, in der Praxis allerdings weitgehend verschwunden). Sie hat jungfräulich in die Ehe zu treten (Chirurgen machen ein gutes Geschäft mit entsprechender Nachhilfe). Von Beamtinnen wurden (werden?) Jungfräulichkeits-Nachweise verlangt. Und dies alles unter dem Titel: die Ehre der Frau bewahren.

Fragt sich wie Männer und Frauen überhaupt zusammenfinden. Zwangsheirat soll's nicht geben, Vermittlung durch die Familie schon. Und sonst scheinen heimlich zugesteckte Visitenkarten und das Telefon eine wichtige Rolle zu spielen.

Immerhin: Mädchen gehen - getrennt - in die Schule, viele studieren, sie werden nicht von Machos belästigt (wie z.b. in Marokko oder Italien), sie fühlen sich sicher und treten eigentlich munter auf. Im häuslichen Bereich seien sie Königin - mindestens dann wenn Kinder, möglichst ein Sohn, geboren wurden. Des Persers höchstes Glück ist die Familie, sein höchstes Gebot Gastfreundschaft. Und da spielt die Frau ohne Zweifel eine entscheidende Rolle.

Trotzdem glaube ich, dass eine Zivilisation die die Hälfte der Gesellschaft unter einem (schwarzen) Deckel hält, im Wettbewerb um Fortschritt und Glück unterlegen bleibt.

Diverses:(man sieht dass ich doch nicht alles thematisch unterbringe)

Es ist schön zwischendurch mal Millionär zu sein, aber in diesem Falle auch mühsam.

Für einen  Franken erhält man ca. 6,000 Real (auf dem Schwarzmarkt mehr). Für zwei hunderter Nötli also über eine Million. In Scheinen von max. 10,000.- Real! Wo man die Notenbündel hinstopfen soll, wird also zum Problem. Gottlob ist das was man so zwischendurch braucht, unglaublich billig. Kaffe, Thé kosten ein paar Rappen, komplette  Mahlzeiten, incl. Getränken  so zwischen 3 und 4 Franken.

Von was lebt die iranische Aussenwirtschaft? Vom Öl- und Gasexport natürlich. Plus andere Bodenschütze. Plus, zu vernachlässigen, Teppiche, Pistazien u.ä. Die Öl- und Gasfelder, von den Mullahs verstaatlich, seien in einem schlechten Zustand, sagte mir ein Experte. Das soll nun besser werden: man sucht wieder die Zusammenarbeit mit ausländischen Investoren (Öl-Gesellschaften) und will vor allem das nach wie vor riesige Potential ums Kaspische Meer, auch zusammen mit anderen Anrainerstaaten, entwickeln. Bei 3-4 Millionen Barrel Tagesförderung und einem Barrelpreis von z.zt. ca. 24$ wird trotzdem viel Geld in die Staatskasse geschwemmt (so 100 Millionen $ pro Tag, nicht schlecht!).

Erstaunlich ist wie relativ pietätvoll mit dem Erbe des Schahs umgegangen wird. Sein Palast in Teheran, ein von Farah-Diba entworfenes Museum, der Kronschatz der den der Queen bei weitem in den Schatten stellt, werden schon fast mit Stolz gezeigt.( Ein Perser sagte mir: wenn der Sohn des Schahs (er lebt in den USA) zurückkehren würde, die Mehrheit der Bevölkerung würde ihn wieder als Herrscher einsetzen. Wohl kaum. So weit spinnt Persien auch wieder nicht). Trotzdem: die meisten modernen Bauten, auch Hotels, stammen aus seiner Zeit. Seither wurde vor allem die Infrastruktur, Strassen, Elektrizität, Wasser, ausgebaut. Immerhin auch ein Verdienst. Zudem hat der 8jährige Krieg mit Irak das Land gewaltig Kraft gekostet.

Ein schwieriges Problem ist der, zwar durch Wüsten getrennte, Nachbar Afghanistan.

Einerseits diskreditiert der dort gelebte Extremismus den fundamentalistischen Islam. Dann ist das Land der grösste Produzent von Opium  und dessen Weg durch Persien in den Westen hinterlässt  seine Spuren. Und drittens leben im Land  hunderttausende von afghanischen Flüchtlingen (eine zeitlang waren's über 2 Millionen) die auch den Arbeitsmarkt durch billigste Schwarzarbeit belasten.

Immer wieder ein Erlebnis sind die verzweigten, lebhaften Bazars (obschon sie, mit Ausnahme vom Grossen Bazar in Teheran, keinen Vergleich mit denen in Aleppo, Damaskus, Kairo oder gar Fez und  Marrakesch aushalten). Ich frage mich immer wieder von was diese hunderte- in Teheran tausende- von Klein- und Kleinsthändlern, die hundert und tausendmal das Gleiche verkaufen, eigentlich leben. Doch sie scheinen irgendwie zu prosperieren, und eine politische Macht sind sie in ihrer Individualität und Freiheit allemal.

Ich hab's schon angetönt: wir haben wieder Teppiche gekauft. Begeistert von deren Schönheit, mit schlechtem Gewissen wenn man an die Arbeitsbedingungen denkt. Seidenteppiche, die über 100 Knoten pro cm2 zählen, können wohl nur von Kinderhänden gearbeitet worden sein. Was tun? Wir haben uns für Freude an der Schönheit entschieden.

Wir bereisten ja im Oktober letztes Jahr Marokko. Vergleiche drängen sich auf. Sie fallen  für mich eindeutig aus: wenn man nur eines der beiden Länder bereisen will, ist Marokko deutlich vorzuziehen: kleinräumlicher, intensiver, freier. Und abends kann man am Pool bei einem Drink hübsche Mädchen beobachten. Wer's weniger primitiv sieht, der möge (auch) nach Persien pilgern. Das Land ist allemal eine Reise wert.

                                                            Basel, Ende April 01. Emil Wartmann.